In großer Sorge

Ich habe mir lange überlegt, ob ich dieses Posting überhaupt schreiben soll. Ich bin schließlich nur ein kleines Basislicht und darüber hinaus Anfänger. Aber hier geht es um Wichtiges und darum, dass gerade auch die „kleinen Piraten“ bei diesem Thema gehört werden sollten. Und so habe ich mich entschlossen, auch meine Stimme zu erheben.

Es geht um das „Frankfurter Kollegium“.

Die Gründung dieses Vereins wurde auf Twitter, Mailinglisten und Blogs kontrovers diskutiert. Auch die Mumblesitzung am 16.12. verlief… intensiv. Ich selber habe mich auf Twitter auch zum Mitdiskutieren hinreißen lassen, obwohl mir hätte klar sein müssen, dass ein so komplexes Thema überhaupt nicht für Twitter geeignet ist.

Gibt es für mich ein inhaltliches Problem mit dem Kollegium?

Mit einem Wort: „Nein“.

Ich bin zu den Piraten gegangen, weil ich die Mischung aus bürgerlichen Freiheitsidealen und der Idee, dass die Menschen nicht nur frei sind, sondern auch die Möglichkeiten bekommen sollen, diese Freiheit wahrzunehmen, angezogen war. Man kann das BGE als Instrument dazu sehen, aber ich bin auch bereit, Alternativen zu diskutieren. Ich finde den liberalen, nicht neoliberalen, Ansatz der Piraten, der sie so positiv von der FDP unterscheidet, extrem attraktiv.

Mein politischer Ansatz deckt sich sehr mit dem des Kollegiums. Um es kurz zu machen: ich habe kein Problem mit den Inhalten des Kollegiums. Ich finde es richtig und wichtig, dass die Piraten sich stärker als es jetzt geschieht auf ihre Kernthemen fokussieren. Das bedeutet nicht, dass ich die anderen Themen unwichtig finde. Nur: als junge Partei müssen wir uns konzentrieren, und unsere Kernthemen können wir kompetent und überzeugend gegenüber unseren Wählern, Interessenten und der Öffentlichkeit positionieren.

Die anderen Themen sind dabei nicht unwichtig – mitnichten. Aber wir müssen nach außen darstellen, was uns besonders macht:

  • Der Fokus auf die Bürgerrechte auch und gerade gegenüber mächtigen Wirtschaftsinteressen, was uns von der FDP unterscheidet.
  • Die Transparenz und Offenheit gegenüber und für den Bürger.
  • Die konsequente Basisdemokratie.
  • Die Gestaltung des Wandels, den das Internet bringt. Dazu habe ich im Wiki schon etwas geschrieben.

Ich bin nicht kategorisch gegen das BGE, aber für mich ist es lediglich Mittel zum Zweck. Insbesondere möchte ich zwar allen Menschen die Teilhabe an gesellschaftlichen, kulturellen, sozialen und politischen Prozessen ermöglichen (was Hartz4 ausschließt), aber auf der anderen Seite soll Leistung auch belohnt werden. Ich möchte Armut verhindern, nicht Reichtum. Daher lehne ich eine „neue Linke mit Internet“ ab.

Das macht meine persönliche Position kompatibel mit dem, was vom Kollegium bisher zu hören war.

Womit habe ich kein Problem?

Ich habe, wie bereits geschrieben, kein Problem mit den Positionen des Kollegiums. Ich habe auch Vertrauen in die mir derzeitigen bekannten Mitglieder des Kollegiums (mit einer Ausnahme, den / die ich als Karriererist/in einschätze). Ich glaube, dass die Mitglieder des Kollegiums getrieben sind von guten Vorsätzen, Intentionen etc. Man kann das auch gut an den passenden Blogpostings von Sebastian Nerz sehen.

Ich möchte es noch einmal ganz deutlich machen: Von einer Persönlichkeit, die ich nicht namentlich nennen will, abgesehen, unterstelle ich den heutigen Kollegium-Mitgliedern grundsätzlich positive Intentionen!

Warum habe ich Sorgen wegen dem Kollegium?

Das wird wohl der ausführlichste Abschnitt dieses Postings. Um meine Bauchschmerzen zu begründen, muss ich z.T. auf Erfahrungen aus der Vergangenheit Bezug nehmen.

Ich führe meine Aufzählung mal als Liste, weil ich mich mit der Formatierung in der WordPress-App nicht genug auskenne, um Überschriften verschiedener Ebenen einzuführen; die Profis mögen mir verzeihen.

  • Das Kollegium ist thematisch breiter aufgestellt als eine AG oder eine ähnliche Gruppe. Das ist keine Kritik an sich, es ist für mich aber ein Multiplikator, weil im Falle, dass meine Sorgen eintreten, deutlich mehr als ein Thema betroffen wäre.
  • Die starke Abgrenzung in Form einer eigenen Antragskommission, eigenen Organisationsstrukturen mit Vorstand, Sprechern etc., eigener Satzung etc. grenzt deutlich schärfer zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern ab. Das Abgeschottetsein des Kollegiums hat eine neue Qualität im Vergleich anderer Gruppierungen bei den Piraten; nirgendwo sonst wurde so trennscharf zwischen „drinnen“ und „draußen“ unterschieden (jedenfalls nach meiner Kenntnis). Vergleiche des Kollegiums mit anderen „Klüngelgruppen“, wie auch immer geartet oder wie man sie auch immer nennt, sind für mich daher nicht sinnvoll.

Die folgenden Punkte beziehen sich auf die menschliche Natur in grösseren Teams, wie ich sie öfter erlebt habe.

  • Ich habe mehrfach in meinem beruflichen Umfeld Folgendes erlebt: eine Gruppe Leute, die sich um die Gesamtarchitektur einer Software kümmern soll, tut dies in einer geschlossenen Gruppe. Im Durchschnitt sind die Mitglieder etwas erfahrener als das Team insgesamt, es gibt aber auch erfahrene Leute, die nicht in der Architektengruppe sind. In der Architektengruppe werden dann Themen diskutiert, teils intensiv, bis die Gruppe zu einer Einigung kommt. Bei der Vorstellung der Ergebnisse an das ganze Team kommen dann oft Fragen oder Kritik. Da die Architekten aber schon intern intensiv diskutiert haben, wird die öffentliche Diskussion dann oft abgeblockt mit Hinweisen wie „Das haben wir bereits berücksichtigt“, „Hatten wir schon, will ich nicht nochmal aufdröseln“ und ähnliches. Das ist aus Sicht der Architekten nachvollziehbar, führt aber dazu, dass das Gesamtteam nicht gleichberechtigt in die Entscheidungen eingebunden oder an der Diskussion beteiligt wird. Problem: rein interne Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse über Themen (lies: Anträge), bei denen erst die Ergebnisse herausgerollt werden, haben eine starke Tendenz zur Exklusion von Nicht-Eliteteammitgliedern.
  • In einem anderen Projekt sind wir als tolles Team gestartet, besetzt mit lauter Akademikern, die offen, kommunikativ, teamerfahren und engagiert waren. Eigentlich ein ideales Setup. Leider wurden im Lauf des Projekts organisatorische Entscheidungen getroffen, die das Team in stark abgeschirmte Teilteams aufteilten. Die Folge war, dass die Teilteams lokale Entscheidungen trafen, die sich überlappten und zu starken Konflikten führten. Innerhalb der Teilteams entwickelten sich auch stark autarke Subkulturen. Das Ergebnis war, dass es den Teilteams immer schwerer fiel, miteinander zu arbeiten. Letztendlich löste sich das Team mehr oder weniger auf, bis hin zu Kündigungen. Dabei war es nicht so, dass die Teilteams bewusst angetreten waren, gegeneinander zu arbeiten. Niemand wollte diese Konflikte, und alle Teammitglieder fühlten sich deswegen extrem unwohl. Die Organisationsstruktur hat einfach dazu geführt, indem sie die Voraussetzungen für lokale Stammesbildung optimiert hat.

Fazit

Ich unterstelle wie gesagt (fast) niemandem, dass er/sie bewusst Machtpolitik spielen will. Das mit dem Kollegium kann funktionieren. Dafür ist Transparenz in hohem Maß notwendig. Dazu müssen bei zu erarbeitenden Anträgen auch Zwischenergebnisse und Alternativen, die verworfen wurden und warum, transparent gemacht werden. Ansonsten kommt es zu dem oben bei der Architektenrunde beschriebenen Effekt, dass die Parteibasis sich überrollt fühlt und nachhakt, und das Kollegium keine Lust hat, die Diskussionsarbeit nochmal zu leisten. Das kann der Sache nicht dienen und würde dem Prinzip der Basisdemokratie meiner Meinung nach schaden.

Das Bilden von „Stämmen“ kann man aus meiner Sicht nur durch Durchlässigkeit der Flügel und Gruppierungen verhindern. Dies scheint mir im Fall des Kollegiums aber dadurch schwierig, dass es sich hier um einen eigenständigen Verein mit, wie geschrieben, eigener Satzung, eigenem Vorstand, eigenen Sprechern, eigener Infrastruktur und einer Aufnahmekommission handelt. Es besteht die Gefahr, dass auch lauter gutmeinende Leute innerhalb und außerhalb des Kollegiums, wie sehr schön hier geschrieben, in schwere Konflikte geraten.

Meine große Sorge ist, dass die Intention, Themen zu pushen, die ich selber als wichtig und richtig bewerte, zu Strukturen geführt haben, die es aufgrund der menschlichen Natur wahrscheinlich(er) machen, dass es zu Verwerfungen, Konflikten und vielleicht sogar Spaltungen kommt. Ich weiß natürlich, dass das nicht die Intention ist, aber wie am Beispiel des auseinandergeflogenen Projektes oben beschrieben, wo dies auch nie geplant war, können Strukturentscheidungen diese Risiken und Nebenwirkungen beinhalten.

Ich hoffe, dass die Risiken, die ich hier skizziere, nicht eintreten. Vielleicht kann ich mit meinen Warnungen über nicht intendierte Konsequenzen dazu beitragen, dass die Verantwortlichen sich die Risiken bewußt machen, was zu deren Reduktion führen würde.

Ich werde aber, trotz meiner inhaltlichen Übereinstimmung mit vielen Kollegiums-Punkten, weiterhin kritisch beobachten, ob es Anzeichen der von mir skizzierten Nebenwirkungen gibt.

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Eine Antwort zu In großer Sorge

  1. Bin Mitglied im Kollegium. Bevor vom Kollegium nichts politisch Gehaltvolles veröffentlicht ist, macht eine Diskussion darüber m.E. wenig Sinn. Deine differenzierte und immer inhaltlich bleibende Erklärweise finde ich genau so, wie wir alle miteinander umgehen sollten. Selbst, wenn ich mit jemand diametral opposit in der Meinung bin, möchte ich mich mit ihm – freundlich – darauf verständigen können, dass wir uns darin einig sind, dass wir inhaltlich uneinig sind. Die Person ist dabei immer wertzuschätzen. Danke für Dein Beispiel. Zwischenstände zu veröffentlichen halte ich für eine gute Idee, wenn wir uns zusätzlich befruchten lassen wollen. Eine Bringschuld kann es nicht sein. Ich möchte auch gerne die fertiggedachten Arbeitsergebnisse anderer erhalten und keine unverbindlichen Zwischenstände. Etwas anderes ist mit der Mitarbeit in eben für alle offenen Gruppen, wie der ‚Initiative gemeinsames Wahlprogramm‘. Und sich dort zu beteiligen und im Kollegium sein, schließt sich nicht aus 😉 Mehr – ganz persönliche – Meinung zum Thema unter http:/www.steinholzheim.wordpress.com. Transparente Weihnachten!

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