Ideen zur Verbesserung unserer Diskussionskultur

Ich gebe zu, die Ereignisse um den Austritt von Lars Pallasch haben mich erschüttert.
Das, was Lars widerfahren ist, ist weit jenseits von jedem akzeptablen Verhalten. Da hilft nur noch das PAV und alle juristischen Möglichkeiten. Hier ist eine echte Kommunikation schlicht nicht mehr möglich.

Ich habe daneben aber auch einen generellen Trend zu internen Streitigkeiten beobachtet. Konkret gesagt ist das nach meiner Meinung der Grund für unsere derzeitigen Umfragewerte. Und mir scheint es auch, als ob viele der Konfrontationen in dieser Form entweder unnötig oder zumindest unnötig unsachlich sind.

Daher schreibe ich hier mal ein paar Ideen zusammen, worum es geht und was wir tun können.

  • Woher kommt nach meiner Meinung die aggressive Stimmung?
  • Welche Tipps können wir uns selber geben?
  • Welche Strukturen könnten helfen, uns zu verbessern?
  • Wie kann man mit notorischen Verbalaggressoren umgehen, ohne gleich ein PAV anstrengen zu müssen?

Woher kommt das Problem?

Wir benutzen für einen sehr großen Teil unserer Kommunikation das Internet. Die meisten von uns sind mit der Nutzung des Netzes auch sehr versiert. Wir twittern, schreiben in Foren und Pads, verwenden Facebook, Mumble, Doodle, Pastebin, Dropbox, lesen Newsgroups und Mailinglisten.

Was die Arbeit bei den Piraten anders macht, ist, dass wir als Erste ernsthaft versuchen, die Möglichkeiten des Netzes für politische Arbeit zu nutzen. Und nicht nur als nebensächliche Ergänzung zu traditioneller Politikarbeit, sondern als das maßgebliche Mittel der Politikgestaltung.

Politik ist aber anders als andere Themen, mit denen wir im Netz Erfahrung sammeln konnten. Politik ist sehr emotional. Eine politische Meinung basiert bei vielen Themen auf tief verankerten Grundwerten dessen, der sie äußert. Da wird Kritik schnell persönlich genommen. Das kann man sowohl auf Mailinglisten als auch auf Twitter immer wieder beobachten.

Was das Internet als Werkzeug für die Diskussion emotional besetzter Themen schwierig macht, ist zudem die Tatsache, dass es noch weitgehend ein textbasiertes Medium ist. Bei textbasierter Kommunikation fehlen ca. 90% der Face-to-Face-Kommunikation: keine Körpersprache, Intonation oder Gesichtsausdrücke. Worte, die ich im Real Life durch eine ironische Stimmlage, ein Lächeln, eine fragende Geste entschärfen kann, knallen im Internet ungefiltert auf die Empfänger. Und die Zahl der Empfänger ist erstens viel größer als im RL, und zweitens nicht gut antizipierbar. Im echten Leben weiß ich, mit wem ich rede (meistens), und kann meine Wortwahl dem Publikum anpassen.

Keine qualifizierenden Ausdrucksmittel wie Körpersprache, oft hochemotionale Themen, ein oft großer und dem Absender nicht bekannter Empfangerkreis – ist es da verwunderlich, dass es immer wieder Leute gibt, die sich von an und für sich nicht kritischen Aussagen beleidigt fühlen und verbal austeilen? Ich denke nein.

Was können wir tun, um besser zu werden?

Wir müssen lernen. Das ist das Schicksal derer, die an der Spitze einer Innovation stehen, wie wir es im politischen Bereich tun. Es wird uns meiner Meinung nach nicht gelingen, das Kommunikationsproblem schnell und mit einfachen Maßnahmen zu lösen. Ich habe auch keine Wunderwaffe anzubieten, nur ein paar Ideen.

Ich denke, wenn wir uns die Schwächen der weitgehend textbasierten Internetkommunikation bewußt machen, haben wir schon viel gewonnen. Dann werden wir nämlich vorsichtiger damit, andere vorschnell zu verurteilen. Wir wissen dann, dass 90% des Kommunikationskontextes, den wir im direkten Gespräch haben, uns fehlt. Wir fragen erstmal nach, schaffen Klarheit. Ich bin der festen Überzeugung, dass damit einige Konflikte, die ich auf Twitter oder MLs beobachtet habe, vermeidbar gewesen wären.

Auf der ML bwmisc wird wöchentlich eine Netiquette-Erinnerung herumgeschickt. Das ist eine gute Sache; vielleicht kann man die Erinnerung ergänzen um eine Zusammenfassung dessen, was ich über das Internet geschrieben habe, ergänzt um den Input möglichst vieler weiterer Piraten dazu. Dann hätte die Erinnerung nicht nur einen was– Anteil, sondern auch ein warum. Damit kann man meiner Meinung nach mehr Leute abholen.

Ein solcher Text würde sich auch auf den Internetauftritten der Gliederungen gut machen.

Mediatoren als Beauftragungen?

Ein Instrument der Konfliktlösung kann eine Mediation durch einen neutralen Dritten sein. Ich weiß, wir haben Schiedsgerichte, aber da hängt die formale Latte doch sehr hoch, und nicht jeder Konflikt muss oder sollte auch nur im Rahmen eines PAV oder Ähnlichem gelöst werden. Was vielleicht helfen könnte, wäre eine kleine Gruppe von Piraten, auf die Betroffene unbürokratisch zugehen können und die dann klärende Gespräche organisieren und moderieren würden. Zudem könnten diese auch von sich aus tätig werden, wenn sie auf Twitter, MLs oder anderen Kanälen beobachten, dass ein Konflikt aus dem Ruder läuft (nautische Metapher: Check).

Ich selber habe in meinem knappen Jahr bei den Piraten Konflikte erlebt, bei denen ich nur dachte: „Leute, redet über Eure Bedürfnisse und Intentionen, nicht Eure Positionen, dann kommt Ihr sofort zusammen!“. In so einer Situation könnten Mediatoren helfen, eine Klärung und Lösung herbeizuführen. Denn die meisten Konflikte resultieren aus dem oben Gesagten (Internet…), nicht aus unvereinbaren Grundanschauungen.

Stoppschild für notorische Störer

Nicht alle Konflikte lassen sich im Guten lösen. Nicht alle Piraten werden, selbst wenn sie sich die Schwächen des Internet bewußt machen, zivilisiert kommunizieren. Ich kenne leider Einige, denen ich unterstellen muss, dass sie es nicht lernen wollen oder können, das Internet konstruktiv zu nutzen.

Von diesen Leuten sollten wir uns nicht, wie es z.T. heute geschieht, unsere Mittel kaputtmachen lassen.

Ein PAV wegen Pöbelns, Mobbens o.ä. ist, wie ich gelernt habe, nicht so einfach und auch mit erheblichen Aufwänden verbunden.

Vielleicht würde uns ein vorgelagerter „Aus die Maus“-Mechanismus helfen. Wer hinreichend negativ auffällt, könnte die folgenden Konsequenzen erleben:

  • Schneller Bann auf den betroffenen Mailinglisten.
  • Block durch die offiziellen Twitteraccounts der Piraten.
  • Block auf anderen Piratenmedien (zu klären: kann man Leute durch Vorstandsbeschluß von Tools wie LQFB fernhalten, die der Entscheidungsfindung der Partei dienen?)

Vorstellbar wäre für mich, dass es eine Art Template (Pad) gibt, in dem das Vorgefallene durch möglichst neutrale Dritte festgehalten wird (vielleicht Mediatoren, vielleicht andere Piraten). Ganz wichtig ist es dabei, alle Betroffenen zum Vorgefallenen zu befragen, auch den Übeltäter, und alle Facetten zu dokumentieren: Gesagtes, Tweets, ML-Postings etc.

Edit: Meine Begrifflichkeit des Pads war wohl mißverständlich, wie Dirk in den Kommentaren erklärt hat. Gemeint war ein Mechanismus, bei dem Entscheidern über Störer fertige Musterformulare gleich welcher Art vorliegen, die helfen, nichts zu vergessen und es den Entscheidern ermöglichen, sich schnell auf den Inhalt der Entscheidung zu konzentrieren, statt auf das Procedere. Insbesondere ist mir wichtig, dass solche Entscheidungsprozesse nichtöffentlich sind. Auf gar keinen Fall darf ein wie auch immer gearteter Pranger entstehen!

Ich bin Pad-Newbie und habe vergessen, dass auch nichtöffentliche Pads, also die ohne Globussymbol dahinter, für alle registrierten User lesbar sind. Damit scheidet ein Pad als technisches Vehikel aus. Der Templategedanke als solcher ist für mich aber nach wie vor valide, nur auf der Basis einer anderen Implementierungstechnik. /Edit

Ist dieses Template dann vollständig, könnten die neutralen Dritten es dem betroffenen Vorstand zumailen, der so einen vollständigen Umlaufbeschluss ohne viel Arbeit für den Vorstand bekommt.

Sollte die Entscheidung gegen den Störer fallen, bräuchte es nur noch einen ebenfalls standardisierten Prozess (eine Checkliste wäre ein guter Anfang), um die beschriebenen Sperren für einen Zeitraum X auszulösen.

Fazit

Ich denke, wir brauchen ein abgestuftes Vorgehen, um unsere Kommunikation zukunftsfähig zu machen.

  1. Bewußtmachen der Schwächen unserer Tools.
  2. Unterstützung von Konfliktlösungen. Das sollte die große Masse der Konflikte, die der Natur des Internet geschuldet sind, lösen.
  3. Ein schnelles und effizientes Verfahren, notorische Querulanten daran zu hindern, die Tools zu mißbrauchen, ohne gleich ein PAV anstrengen zu müssen.

Das waren meine wirren Gedanken dazu.

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7 Antworten zu Ideen zur Verbesserung unserer Diskussionskultur

  1. Herr Samsa schreibt:

    +1 auf den Artikel! Zwei Dinge hätte ich nur noch anzumerken:

    1.) Schiedsgerichte haben nicht nur höhere bürokratische Schwellen, sie sind auch schon von ihrer immanenten Logik her auf „Sanktion“ gebürstet. Wenn ein Dissens erst mal bis zum Schiedsgericht eskaliert ist, wird zwar ein Schiedsspruch erreicht, der schädigt aber meist nachhaltig die Zusammenarbeit zwischen den betroffenen

    2.) Finde den vorgeschlagenen Umgang mit den notorischen Nörglern gut. Nur ob da das Stoppschild das Mittel der Wahl ist, wage ich unter Piraten doch anzuzweifeln 😉

    Beste Grüße,
    Tobi

  2. Klobürste schreibt:

    Es braucht eine Klarnamenpflicht, Foren und Mailinglisten sind nur noch für Mitglieder frei zu schalten. Dann sind auch die Anonymen Stänkerer und Hetzer sehr schnell verschwunden. Ich kann mir da leider keine andere Lösung mehr vorstellen um für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

  3. moonopool schreibt:

    Hallo Jörg,

    Deiner Problemanalyse und Deinem Mediationsansatz stimme ich zu: +1. Nicht jedoch Deinem Aufhänger und Deinem Vorschlag mit de Pad.

    1. Der Aufhänger: Lars‘ Fall als Start zu nehmen, finde ich angesichts der weiteren Überlegungen schlicht als unpassend. Derartige Bedrohungen sind nicht Stören, Trollerei oder interne Streitigkeit. Das sind Straftaten. Und da ist keine der von Dir vorgeschlagenen Verhaltensweisen angesagt. Straftat -> Strafrecht. Punkt. Keine Mediation. Partei aussen vor.

    2. Der Vorschlag mit dem Pad: Eine öffentliche Diskussion solcher Fälle halte ich für völlig unpassend. Schlägt ein Mediationsversuch fehl, dann gehört das weitere „Verfahren“ in klar dafür beauftragte und vertrauliche Hände. Wir treffen uns nicht auf dem Marktplatz zu einer Verhandlung der Bürger über irgendein Fehlverhalten. Wir haben Gerichte dafür. Die Ermittlung und die Bewertung dem Vorstand oder dem Schiedsgericht hier abzunehmen zu wollen, eröffnet die Möglichkeit zum öffentlichen anprangern und schmutzige-Wäsche-waschen und (wie auf der Mailingliste zu lesen war) Raum für Missverständnisse, was „Stören“ und was politische Diskussion ist. Das möchte ich nicht unterstützen.

    Ansonsten einen Extraflausch für dieses hier: „Leute, redet über Eure Bedürfnisse und Intentionen, nicht über Eure Positionen.“

    Lieben Gruß,
    Dirk

    • Leichtmatrose schreibt:

      Hallo Dirk,

      Lars‘ Fall war nur der Trigger, der mich zum generellen Nachdenken gebracht hat. Ab dem zweiten Absatz gehe ich ja auf die Kommunikation generell ein, und hinsichtlich Lars ist mein Statement ja, dass da kommunikativ nichts mehr geht, sondern nur noch PAV und Justiz.

      Mit dem Pad meinte ich natürlich auf keinen Fall ein öffentliches Pad, um Gottes Willen. Solche Entscheidungsprozesse gehören definitiv nicht in die Öffentlichkeit. Vielleicht war der Begriff „Pad“ auch unglücklich; meine Intention ist vielmehr, ein Template für die strukturierte und zeitnahe Abwicklung von Entscheidungsprozessen über Störer vorzuhalten, damit die Entscheider nicht immer wieder das Rad neu erfinden müssen. Wie das technisch dann umzusetzen ist, ist für mich zweitrangig. Die Strukturierung war meine Intention. Dass wir keinen öffentlichen Pranger einführen dürfen, da bin ich 100% bei Dir, da läge ein Missverständnis vor.

      Viele Grüße, Jörg

  4. Joost schreibt:

    Jörg, gefühlt ein ehrlich wirklich gut gemeinter „Wortschwall“ zu dessen inhaltlichen Aufhängern und Schlussfolgerungen aber mehr zu sagen wäre als ich hier in Worte packen kann oder will #ausGründen die Du eigentlich selbst aufzählst (ich schaue grad zum zweiten Mal die heutige Heute Show an, empfinde die Themen dort genauso zum Schreien verleitend grausam lustig… lustig grausam!? …na ja, jedenfalls zum Schreien! Tobi und Dirk’s hochgeschätztes Talent zur (be)ruhig(end)en Kritik hab ich leider nicht mit in die Wiege gelegt bekommen,
    Klobürste’s Wunsch nach „Ruhe und Ordnung“ erscheint mir auch verständlich, aber, mit Verlaub, nur „einfach typisch deutsch“ <=== (mit einem Komma vielleicht noch verständlicher… ;-)) — i.e. gut gemeint, aber grotten-fals… eh, unpiratig halt. jetzt läuft grad die Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreis 2013, und das verleitet mich noch mehr zur Flucht… ins Sich-Lustig-Machen-wo-man-sonst-verzweifelt-wenn-mans-Thema-ernsthaft-durchdenkt.

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