Ich tauche ab

Ahoi Piraten (nautische Metapher: Check!),

das folgende Posting ist sehr persönlich; es schildert meine ganz eigene Wahrnehmung der Situation. Da die Wahrnehmung die Welt konstruiert (Konstruktivismus), ist sie meine Welt, auch wenn sie nicht Eure Welt ist. Bitte berücksichtigt dies.

Bitte verzeiht mir, aber: ich mache eine Pause. Eine echte Pause. Nicht nur die Erholung, die ich mir nach der Bundestagswahl gegönnt habe.

Dafür gibt es viele Gründe. Persönliche Gründe. Politische Gründe. Ich muss mich sammeln und darüber nachdenken, wie ich die mir wichtigen Themen möglichst gut umsetzen kann.

In den letzten Tagen haben sich viele Dinge ereignet. Wir hatten einen tollen LPT in Heidelberg. Dort haben wir die Früchte der Arbeit von vielen engagierten Piraten eingefahren (mein Dank an moonopool und traumrennerin und all die vielen tollen Piraten!) und uns eine wegweisende SMV gegeben. Wir haben einen neuen LaVo, und eine ganze Menge Anträge haben wir auch durchbekommen. Im Prinzip die komplette Agenda. Natürlich war Heidelberg nicht perfekt – nichts ist perfekt. Die Geschehnisse um Marco fand ich nicht so gut.

Trotzdem war es ein toller, motivierender Parteitag.

Dann kam die Sache mit Bombergate. Ich habe in verschiedensten Tweets auf die Unschuldsvermutung gegenüber Anne hingewiesen (und weiß bis heute nicht definitiv, dass sie in Dresden blankgezogen hat). Hat es genutzt? Nein, Null.

Die Aktion als solche halte ich für Mist, und das sagte und sage ich auch öffentlich. Again: Ob es Anne war, ließ und lasse ich offen: Unschuldsvermutung.

Was noch heftiger kam, waren die Schüttelreime der Julia Schramm; Zitat: „Sauerkraut, Kartoffelbrei – Bomber Harris, Feuer frei“. Die Tatsache, dass diese Frau, die ja nicht ganz unprominent ist, so etwas verbreitet, ist mir vollkommen unverständlich. Genauso wie das Schweigen von Thorsten Wirth hinsichtlich ihrer Mitarbeit in seinem Team.

Egal.

Das waren nur Beispiele eines generellen Phänomens: Praktisch immer, wenn etwas Tolles passiert, kommt direkt danach das nächste Gate.

Es wird mir zuviel. Ich bin äußerlich meist eher ruhig, aber erlebe solche Konflikte innerlich sehr emotional. Ich denke mich immer in die Beteiligten ein, und leide innerlich mit. Kann sein, dass ich HSP („Highly Sensitive Person“; siehe Wikipedia) bin, die entsprechenden Tests im Internet sagen „ja“, aber ich war noch nicht bei einem Fachmann, um das prüfen zu lassen, und habe das auch nicht vor, weil ich diesen Zustand manchmal als problematisch, oft aber auch als bereichernd erlebe.

Aber diese emotionalen Achterbahnfahrten packe ich auf meine alten Tage nicht mehr.

Ein weiteres Problem ist für mich, dass unsere Sozialstrukturen nicht skalieren. Auf KV-Ebene und, siehe LPT, im Land klappt das mit der Politik, von unschönen Scharmützeln um Marco abgesehen, sehr gut, besonders wenn man sich im Real Life trifft. Nach oben zum Bund scheitert das. Und das ist ein massives Thema für uns.

Da arbeiten über 100 Piraten in Heidelberg extrem gut zusammen. Und dann kommen zwei Mädels in Dresden auf die Idee, ihre Titten und Slogans in die Kamera zu halten, was leider unabhängig von der Unschuldsvermutung Diskussionen um Opfer, Täter und Annes Verwicklung auslöst, und eine dritte twittert… siehe oben.

Einige Wenige schaffen es in die Presse, und zwar auf eine Art, die die viele gute Arbeit von Vielen konterkariert. Und dadurch, dass diese Wenigen unsere Wahlchancen torpedieren, verhindern sie, dass unser tolles Programm eine Chance auf Umsetzung in politischen Gremien bekommt.

Das ist unser organisatorisches Problem. Deshalb skalieren wir nicht. Deshalb haben wir bei den Wählern ein Problem. Deshalb bin ich pessimistisch für die Europawahl, wenn auch deutlich weniger für die Kommunalwahl (siehe oben: regional performen wir richtig toll).

Ein weiterer Punkt: Lagerbildung und Kampf um die Deutungshoheit.

Ich habe mich selber mehrfach, und in letzter Zeit immer öfter, dabei ertappt, wie ich mit der Schere im Kopf operiert habe. Wie ich Tweets, die total Mainstream im globalen Piratenuniversum waren, nicht retweetet habe. Wie ich meine (typischerweise gemäßigten Middle-of-the-Road-) Positionen nicht getweetet habe. Weil ich wußte, wie das Echo aus den Reihen einer kleinen, aber lauten Minderheit gewesen wäre (über die Zeit hinweg unterschiedliche, laute Minderheiten…). Weil ich (HSP, siehe oben) darauf schlicht keine Lust hatte. Dafür keine Kraft hatte.

Das ist schlecht. Das sagt mir, dass hier etwas fundamental falsch läuft. Denn es sagt mir auch, dass wir uns von der urliberalen Partei, in der unterschiedlichste Flügel zusammenarbeiten konnten, auch wenn es kleinere Sticheleien gab, wegentwickelt haben zu einer gespaltenen Partei, in der Vielfalt und unterschiedliche Meinungen nicht mehr wertgeschätzt werden, sondern man „den anderen“ (wer auch immer das sei) „besiegen“ müsse.

Das ist nicht mein Ding. Tut mir leid.

Ich muss mir also klar darüber werden, ob ich meine Interessen, die mich zu den Piraten gebracht haben – Bürgerrechte, Inklusion, Datenschutz, Transparenz, Teilhabe, Freiheit, auch „Freiheit zu“ im Sinne einer Grundsicherung, die Freiheit möglich macht -, mit dem Mittel einer politischen Partei oder besser durch Zweckorganisationen wie Digital Courage und den CCC erreichen kann.

Ich nehme mich ab jetzt extrem zurück. Alle bis auf 4 oder 5 Mailinglisten sind abbestellt. Ich werde Twitter nur noch sporadisch lesen. Ich werde mich aus den Wahlkämpfen heraushalten – Europa aus den genannten Gründen, Kommunal, weil ich in einem Kaff lebe, in dem wir keine Liste haben. Kann sein, dass ich mal den einen oder anderen Stammtisch besuche, weil ich bei den Piraten so viele tolle Menschen kennengelernt habe. Möglicherweise, auch wenn das unwahrscheinlich ist, werde ich sogar mal eine KMV besuchen – unakkreditiert, denn es geht mir um die Menschen. Mal sehen.

Ich werde noch nicht austreten. Das wäre verfrüht.

Ich brauche eine Zeit der inneren Einkehr und der Reflexion. Und die werde ich mir nehmen. Möglich, dass diese das ganze Jahr dauert. Die Fragen, über die ich nachdenken muss, sind wichtig genug, mir die Zeit zu nehmen.

Die Kommentarfunktion dieses Blogs werde ich deaktivieren, oder Kommentare, die eingehen, einfach nicht freischalten, je nachdem, was ich bei WordPress technisch auf die Reihe bekomme.

Ich weiß, dass viele mir bekannte Piraten die Dinge anders sehen. Das ist okay, das ist vollkommen legitim.

Ich hoffe lediglich, dass Ihr mich, nach dem Geschriebenen, versteht.

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