Computer-Go, Komplexität, Interdisziplinarität und Vernetzung

Vor einigen Tagen bin ich über eine Meldung auf Heise gestoßen, die ich mir aus Zeitgründen lediglich auf Wiedervorlage gestellt habe. Jetzt habe ich mir den Wiedervorlagepuffer vorgenommen und habe mir die Meldung genauer angesehen. Sie hat aus meiner Sicht auch damit zu tun, wie der technische Fortschritt sich weiterentwickeln wird, und gewinnt dadurch unmittelbar Bedeutung auch für die Piraten.

Es geht um diese Meldung: Ein Computerprogramm von Google hat den europäischen Meister des asiatischen Brettspiels Go geschlagen. Und der weltbeste Spieler hat für Frühling 2016 die Herausforderung von Google angenommen.

Das klingt auf den ersten Blick unspektakulär. Für Schach, Poker und Backgammon gibt es schon länger Programme, die es mit den besten menschlichen Spielern aufnehmen können. Wieso nicht auch für Go?

Go unterscheidet sich von den genannten Spielen. Die Regeln sind extrem einfach, aber die Möglichkeiten des Spielers extrem umfangreich. Kann ein Schachspieler beim Eröffnungszug zwischen 20 Zügen wählen (8 Bauern entweder ein oder zwei Felder vorrücken, oder zwei Springer auf zwei alternative Zielfelder ziehen), sind es beim Go 361, da Go auf einem Spielbrett mit 19 mal 19 Linien gespielt wird, und das Spielbrett zu Spielbeginn leer ist (ich ignoriere Vorgabesteine an dieser Stelle, da diese bei einem Spiel zwischen gleich starken Spielern nicht verwendet werden).

Ein Go-Spiel umfasst normalerweise mehr Züge als ein Schachspiel, und in jedem Zug haben die Spieler mehr mögliche Züge zur Auswahl. Die mathematische Komplexität von Go ist so hoch, dass menschliche Spieler nicht jeden einzelnen Zug durchrechnen können, sondern eher mit Mustererkennung arbeiten müssen (von lokalen Situationen wie Ko-Kämpfen abgesehen).

In den 90er Jahren hat ein Mathematiker, wenn ich mich recht erinnere, mal die Behauptung aufgestellt, dass die Zahl der legalen Konstellationen auf einem Go-Brett ca. zehnmal so groß ist wie die Zahl der Atome im Universum. Damals galt es als ausgeschlossen, dass ein Go-Programm jemals auf Profiniveau spielen würde. Ich selber kannte damals gerade mal so die Regeln, war ansonsten ein absoluter Anfänger. Das damals führende Go-Programm, das sogar Open Source war (zumindest erinnere ich mich, dass ich es kostenlos herunterladen konnte), war aber so schwach, dass ich nicht nur jede Partie gewonnen habe, sondern teilweise sämtliche Steine des Computers fangen konnte, was in einem Spiel gegen einen Menschen praktisch nie passiert.

Was ist also so besonders daran, dass es jetzt, 25 Jahre später, Go-Programme gibt, die es mit Dan-Spielern (das entspricht im Schach einem Großmeister) aufnehmen können? Die Computer werden halt immer besser…

Die mathematische Komplexität von Go ist nach wie vor zu hoch, um mittels klassischer Baumsuchprogramme bewältigt zu werden. Hier war der technische Fortschritt nicht ausreichend, wie in den 90ern vorhergesagt.

Nein, was die Spielstärke des Google-Programms möglich gemacht hat, waren verbesserte Algorithmen auf der einen Seite und die Kombination unterschiedlicher Techniken auf der anderen Seite. Das Programm kombiniert die Baumsuche mit mehreren neuronalen Netzen, eines für die generelle Bewertung von Stellungen, um den zu durchsuchenden Baum so zu verkleinern, dass er berechenbar wird, eines für die Berechnung der Qualität einer Stellung, sowie einer Monte Carlo Tree Search.

Klingt sehr Mathe-geeky, richtig? Was hat das mit dem technologischen Fortschritt generell zu tun?

Hier ist die Bedeutung aus meiner Sicht:

  • Ein Problem, das mit einer Klasse von Lösungsansatz, die sich in vergleichbaren Situationen bewährt hat, nicht zu lösen war, wurde durch eine Kombination von Lösungsansätzen gelöst.
  • Die Kombination von Lösungsansätzen hat die Qualität der Lösung um Faktoren gesteigert und es erlaubt, ein als unlösbar geltendes Problem doch zu lösen.

Interdisziplinäres Forschen und Handeln hat also zu explosionsartig wachsendem Fortschritt geführt. Und unsere Zeit zeichnet sich dadurch aus, dass wir immer vernetzter werden. Noch nie war es so einfach, sich auch außerhalb der eigenen Fachdisziplin zu informieren. Noch nie war die Menge an Daten, die wir für die Lösung von Problemen verwenden können, so groß, und das Wachstum dieser Datenberge hat gerade erst begonnen — das „Internet of Things“ und „Big Data“ sind keine leeren Versprechen oder Zukunftsphantasien mehr.

Das bedeutet, dass sich das Tempo der Innovation noch einmal massiv erhöhen wird. Innovation, die sowohl für als auch gegen die Interessen der Bürger verwendet werden kann.

Der demokratische Gesetzgebungsprozess kann naturgegeben nicht so schnell skalieren. Zudem wird es immer öfter notwendig werden, schnell auf neue Entwicklungen zu reagieren. Dies wiederum bedeutet, dass unsere gewählten Volksvertreter zum Wahlzeitpunkt gar keine konkreten Aussagen treffen können, wie sie sich während der Legislaturperiode zu solchen plötzlich aufkommenden Fragen verhalten werden.

Die Lösung kann daher nur sein, Politiker zu wählen, deren Grundwerte und Menschenbild man teilt, weil dann anzunehmen ist, dass sie auch in neuen Situationen passende Entscheidungen treffen werden. Und wir müssen die Politik fit für die Zukunft machen, indem wir die Politiker mit der Bevölkerung und den Fachleuten so zusammenbringen, dass sie sich die zunehmende Vernetzung zunutze machen können, um mit der Komplexität der Problemstellungen umgehen zu können.

Alles piratige Punkte. Die Piraten werden also nach wie vor gebraucht. Allermindestens, indem ihre Ideen auch in anderen Parteien aufgenommen werden. Besser wäre aus meiner Sicht aber immer noch das Original in den Parlamenten.

Das macht die derzeitigen Umfragewerte der Piraten um so trauriger.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Technologie und Zukunft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s